Ex zurück und alles gut

Das dachte ich wenigstens eine Zeit lang. Dass ich den Ex zurückwollte. Der wäre hier auch genau richtig. War ein echter Kerl. Hat sich damals, als alles zusammenbrach, gut geschlagen. Da redeten sie alle von irgendwelchen Körnern, die schmelzten; auf der Straße, in den Computern, im Fernsehen. Das hielten die für so gefährlich, dass sie einem im Supermarkt kaum noch Essen verkauften, erstmal. Und anscheinend hatten sie recht. Es ist ja kein Hirngespinst, dass all die Katastrophen ausgelöst hat. Das war eine schlimme Zeit und er stand da noch bei mir, bevor er sich den Aasgeiern angeschlossen hat, den Gesetzlosen vor den Städten und Siedlungen.

Als ich mal alleine von der Kantine zu unserer Stelle zurückgekehrt bin, habe ich zufällig an ihn gedacht, und wie gut es wäre, wenn er mich noch immer beschützt hätte. Ein paar dieser zerlumpten Lepragestalten sind mir da gerade hinterhergestiegen. Die wollten nichts Gutes, das war klar. Genau in dem Augenblick hat mich eine alte Zigeunerin hinter eine zertrümmerte Mauer gezogen und zog mich weiter hinter sich har, so dass ich ihr folgen musste, aber das wollte ich auch, weil die mir vertrauensseliger erschien als die verstrahlten Zombietypen.

An einer sicheren Stelle blieben wir stehen. Sie hatte sich da eine Wohnstätte eingerichtet. Ein Dach gab es zwar nicht, doch dafür musste man sich durch ein kleines Labyrinth schlagen, um zu ihr zu kommen. Kein schlechtes Versteck.
Die Zigeunerin wusste, was in mir vorging. Sie sagte mir, dass ich den Mann, den ich hinterhersehnte, bald wiedersehen würde. Sie wollte mein Haargummi und bot im Gegenzug an, mir die Karten zu legen. Da sie mir vielleicht sogar eben das Leben vor den Schleimmob gerettet hat, ging ich darauf ein. Immerhin wusste sie Einiges, schien also eine echte Kartenlegerin zu sein. In diesen Zeiten ist Vorsicht angebracht. Jeder will nur irgendwas von dir und am Ende liegst du ohne Nieren in einem Straßengraben.

"Was willst du wissen?", fragte sie. Die Karten sollten mir sagen, wie ich meinen Expartner zurück kriegen konnte. Und vor allem ob und wann ich ihn jemals wiedersehen würde. Ich sagte ihr auch, dass er inzwischen bei den Aasgeiern war, wonach sie bedrückt den Kopf schüttelte. Dann legte sie mir ihre Herzen und Piks und Kreuze auf den verbeulten Mülltonnendeckel, der als Tisch diente.
Ihr Gesicht erhellte sich, als sie mir versprach, dass ich ihn früher wiedersehen sollte, als momentan vermutet. Sogar sehr, sehr bald. Und sie sollte recht behalten. Auch damit, dass danach alles anders werden sollte für mich.

Es war am Tag darauf. Da kamen die von der Staatlichen Sicherheit von überall. Sogar ein Rotorentransporter flog über unserer Stelle. Die wollten mich, wie es sich gleich zeigen sollte.
Als der Transporter landete, stellte sich ihnen der Funky in den Weg. Wollte sich wichtig machen, lallte etwas von Bürgerrechte. Ein Typ mit Narben im Gesicht und einem grauen Stiftelkopf schoss ihm ins Herz. Es war der Oberchef der Staatlichen Sicherheitstruppe, die hier bei uns einfiel. So endete jedenfalls die Geschichte vom Funky. Meine aber sollte noch weiter gehen.

Sie flogen mich weg. Während des Fluges musste ich so sitzen, dass es unmöglich war aus dem Fenster zu sehen, um nicht zu erkennen, wohin sie mich brachten. Es war ein Lager, etwas wie ein riesiges Outdoor-Gefängnis und die Insassen waren meist Aasgeier und Kojoten, voneinander getrennt durch hohe Stahldrahtzäune. Ansonsten wären die übereinander hergefallen, weil sie sich im Krieg befinden, gegeneinander und gegen das, was sie als Staat bezeichnen.
Mir war komisch. Das Schicksal, das mir die Kartenlegerin prophezeite, war dabei sich zu erfüllen. Das begriff ich recht bald, denn sie führten mich in eine kalten Raum, in dem lauter Leichen auf dem Boden lagen. Einer der Wachhunde machten sich an einen von ihnen gerade zu schaffen, als wir den Raum betraten.

Die Wachen verscheuchten den Wolfshund sofort. Sie wollten nicht, dass die sich an Menschenfleisch gewohnten, vor allem nicht an Aasgeier und Kojoten, die schon mehrere Tage tot waren. Ich wusste sofort, was Sache war. Die hatten irgendwelche Fotos bei meinem toten Ex gefunden und durch ihre Spionagemaschinen laufen lassen. So fanden sie mich. Und nun sollte ich ihnen nur bestätigen, wer er früher war. Wenn ich nicht mitgespielt hätte, wäre das sehr wahrscheinlich mein Ende gewesen, aber warum hätte ich das herbeiführen sollen? Naja, vielleicht wäre es die Erlösung gewesen, doch die Sache mit der Kartenlegerin machte mir Mut. Es war ein Mut, weiterleben zu wollen.

Als ich meinen Verflossenen so daliegen sah, spürte ich Nichts. Ich sagte ihnen seinen Namen, wo wir vor den Katastrophen wohnten, dass wir beinahe ein Kind in die Welt gesetzt hätten, wenn nicht die Strahlung der geschmolzenen Atomkörner gekommen wäre. Ich musste ihnen von unseren damaligen Freunden erzählen, aber vor allem von seinen späteren, bevor wir uns getrennt hatten. Dann brachten sie einen rein, einen lebenden Aasgeier. Ich erkannte ihn gleich. Es war der Typ, der ihn damals überzeugte, sich den Gesetzlosen anzuschließen. Irgendwie waren die von der Sicherheit zufrieden. Sie versprachen mir, mich an einen besseren Ort zu bringen, wenn ich ihnen mehr erzählte. Sie zeigten mir Fotos, sie führten Leute vor. Mein Ex muss da anscheinend ein ganz Wichtiger geworden sein. Das war typisch für ihn. Ich konnte denen nicht so viel sagen, aber zwei erkannte ich, vor allem den, den sie "Computergenie" nannten. Und das war es dann auch.

Der Rotorentransporter brachte mich in ein neues Leben. Sie flogen mich weg in ein Zeltlager in den Bergen. Es gab da Wasser und richtiges Essen. Das hatte mir die Kartenlegerin nicht erzählt, nur die Sache mit dem Ex. Doch ihre Deutung veränderte mein Leben. Oder das was davon noch übrig war.
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